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© Dirk Burchard zum 25. April 2010 www.ryker.de/dirk/archiv/amok.html

Startschuß zur Amok-Ära

Beckmessertum ist kleinlich pedantische Kritik, die individuelle Entfaltung anderer behindert. So wirkte bereits die von Goethe befürwortete preußische Zensur, die Heinrich Heine ins Exil trieb, ebenso wie die Gleichschaltung im Nationalsozialismus oder auch Helmut Kohls geistig-moralische Wende zurück in die Adenauer-Ära, wo Alt-Nazis noch als Ehrenmänner galten und die späteren 68er mit Zucht und Ordnung unterdrückten. Die Folgen sind immer ein degeneriertes, unproduktives bis gewalttätiges Chaos unter einer erdrückend toten Hierarchie, die keinerlei Orientierung vermitteln kann. Leider hatte Richard Wagner seinen Beckmesser als Juden-Karikatur angelegt, sonst wäre ihm eine tatsächlich aufklärerische Oper gelungen. Weil neben der Staatspropaganda der GEZ-Mafia auch die allermeisten Kulturschaffenden in der Bundesrepublik eine Orientierung verweigern - abgesehen von der Fassbinder-Ära - bleibt in diesem Land wie immer das meiste nebulös und alles beim alten. Folglich handelt auch dieser Abschluß meiner Trilogie zur bundesdeutschen Variante eines Rechtstaats wieder nur von vereitelten Perspektiven, insbesondere durch Staatsbesoldete in Justiz und Verwaltung, die sich um die Vertrauenswürdigkeit des von ihr betriebenen staatlichen Repressionsapparats gar nicht erst bemühen.

Alexander Sutherland Neill: The Last Man Alive (Hörbuch übbersetzt und gelesen von Harry Rowohlt

Schulsystem und Studium sollten jungen Menschen Anregungen vermitteln und Möglichkeiten eröffnen, alles rauszulassen, was individuell in ihnen steckt, um dabei zu erkunden, welche Fertigkeiten und Leidenschaften sie in dieser Gesellschaft tatsächlich produktiv verwerten können. Das ist schon mein Ideal seit ich als Kind Die grüne Wolke von A.S. Neill gelesen habe mit einem Anhang, der auch die Reformpädagogik von Summerhill erläutert hat. Ansatzweise durfte ich das während der dort inzwischen abgeschafften Orientierungsstufe in Niedersachsen Ende der 70er Jahre sogar erleben. Und damit bin ich im Rahmen meiner Juristenausbildung auch zu meinen Schwerpunkten effektive Daseinsvorsorge im Umweltrecht und tatsächlich freiheitliche Informationelle Selbstbestimmung gelangt. Das war unglaublich viel Arbeit, die mir aber nichts ausgemacht hat, weil ich Spaß daran hatte. Demgegenüber sieht das vorherrschende reaktionäre deutsche Bildungskonzept verschulte Menschenkonditionierung auf opportune Rollenklischees vor, insbesondere durch Auswendiglernen in einem straffen System aus 12jährigem Turboabitur mit möglichst frühzeitiger sozialer Selektion im dreigliedrigen Schulsystem, sowie inzwischen deutsch pervertierten Varianten von Bachelor und Master, die mit den US-Originalen nichts wirklich gemein haben.

Die Juristenausbildung mit ihren Prüfungsanforderungen zum repetitorkompatiblen Auswendiglernen in Studium und Referendariat führt dann zu kaum mehr als einem Richter- und Beamtentypus, der 1984 in Terry Gilliams Brazil seine treffliche Karikatur gefunden hatte (nächstes Bild). In bundesdeutschen Ministerien gibt es tatsächlich diese schneidigen Typen in ihren geleckten Anzügen zu beobachten, die nach Alpha-Männchen und Parolen hecheln, die sie nach oben spülen sollen. Ein der Finanzverwaltung entkommener Beamter erzählte mir einmal, das seien dort Nickmännchen gewesen, die nur noch abnickten, was die Abteilungsleiter AO beschlossen hätten. Derartige Beamte im Kultusministerium des Landes Thüringen hatten zu ihrer Variante des Turbo-Abiturs eine Schulgesetzgebung verbockt, bei der nicht wie in anderen Bundesländern die Versetzungen in die jeweiligen Jahrgangsstufen zuvor geringeren Schulabschlüssen entsprachen. Ein Opfer dieser schlampigen Schulgesetzgebung wurde Robert Steinhäuser. Der drohte an seiner Abiturprüfung zu scheitern und versuchte sich mit einem gefälschten Attest Luft zu verschaffen. Ich bin ziemlich sicher, daß ich mir an meiner Schule zum Abitur 1986 dafür nur ein sehr energisches Dieses Attest steckst du ganz schnell wieder weg eingefangen hätte. Aber Robert Steinhäuser wurde von seiner Schulleiterin Christiane Alt dafür der Schule verwiesen, die - soweit ich das überblicken kann - leider niemals gefragt worden ist, ob sie damit auch ihre eigene Abiturstatistik vorab um einen wahrscheinlichen Versager bereinigen wollte. Robert Steinhäuser jedenfalls war plötzlich ein um viele Lebensperspektiven gebrachter Außenseiter ohne einen Schulabschluß, lief Amok und tötete am 26. April 2002 zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und sich selbst.

Alpha-Männchen mit Gefolge - Terry Gilliam's Brazil & Horst Köhler

Am Tag vor diesem Amoklauf, heute vor acht Jahren, entschieden die Bundesverfassungsrichter Renate Jaeger, Dieter Hömig und Brun-Otto Bryde, daß diese Juristenausbildung beizubehalten ist, die jene Beamten hervorgebracht hatte, die in Thüringen diese Schulgesetzgebung zu verantworten gehabt hätten, an der Robert Steinhäusers Lebenslauf zerbrochen war. Die Befähigung zum Richteramt und damit zum oberen Verwaltungsdienst war nach Vorstellung dieser Bundesverfassungsrichter weiterhin allein durch opportunistisches Auswendiglernen zu erlangen, und eine komplexe Erarbeitung von systematischem Fachwissen sollte nicht prüfungs- und damit auch nicht ausleserelevant werden. Zweieinhalb Jahre später bestätigten die Bundesverfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch, Siegfried Broß und Gertrude Lübbe-Wolff, daß wegen fachlicher Entartung politisch verfolgt und ausgesondert werden darf, wer sich das selbständige Denken nicht derart austreiben läßt und seine Bestimmung in Justiz und Verwaltung nicht darin findet, reaktionäre Ideologie einfach nur im opportunistischen Fahrwasser durchzutreten. Das Bundesverfassungsgericht hatte also am Vortag von Robert Steinhäusers Amoklauf den Startschuß dazu gesetzt, daß menschliche Potentiale zugunsten ewiggestriger Ideologie in diesem Land auch künftig verheizt werden sollen. Es ist daher bezeichnend, daß infolge dieses hochgradig repressiven mit faktischen Berufsverboten sanktionierten Denkverbots die morgen vor acht Jahren in Erfurt eröffnete Amokserie in Emsdetten, Winnenden oder Ansbach ihre stetige Fortsetzung gefunden hat. Über das Seelenleben ägyptischer Pharaonen weiß dieses Land mehr als über die Motive der Amokläufer, aber wer sich für das Tragen von Verantwortung bezahlen läßt, wird offiziell sowieso durch Nebelkerzen oder stereotype Betroffenheitsrhetorik entlastet. Es gibt keine Erklärungen, keine Lehren und schon gar keine überzeugend zukunftweisenden Reformen, sondern nur ein Weiter-wie-bisher.

Nun hat das Bundesverfassungsgericht niemals die Grundrechte der Bundesbürger gesichert, sondern eher geizig die Beschränkungen verwaltet, wie weit diese Grundrechte von Bürgern tatsächlich gelebt werden dürfen, was dann im Einzelfall zumeist noch jederzeit durch das regelmäßige Fehlen von tatsächlich effektivem Rechtschutz vereitelt werden kann. Drei herausragende Entscheidungen gab es aber, mit denen das Bundesverfassungsgericht nachgeben und vom Korpsgeist seiner Kaste abweichen mußte. Zunächst hatte Rudolf Augstein 1966 trotz Abweisung der Verfassungsbeschwerde zur SPIEGEL-Affäre immerhin Mindeststandards der Pressefreiheit erstritten – keine besonders hohen, aber für deutsche Verhältnisse beachtliche. 1978 waren es Transsexuelle, die dem Bundesverfassungsgericht erstmals ein klares Bekenntnis zum Menschenbild des durch westalliierte Besatzung ermöglichten Grundgesetzes abgerungen haben, wonach dieses die freie Entfaltung der im Menschen angelegten Fähigkeiten und Kräfte gewährleisten soll. Und darauf aufbauend erstritten Volkszählungsgegner 1983 die Anerkennung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung. Dieser Freiheitswille einer Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung und deren stetiger Widerstand gegen den reaktionären Backlash der Regierung Kohl zurück in die Adenauer-Ära bewirkte die vermutlich lebendigste Zeit, die auf deutschem Boden jemals zu erleben war. Das wurde 1990 anders, als sich westReaktionäre und ostMob unter Ausgrenzung west- und ostdeutscher Bürgerrechtler zur neopreußischen Wiedervereinigung verbrüderten. Angela Merkel ist heute der ultimative ostdeutsche Prototyp dieses Zusammenschlusses: Als Helmut Kohls Mädchen und Bundesumweltministerin hat sie noch für diesen die Umweltbewegung unterdrückt und als Gastgeberin des zweiten Weltklimagipfels von Berlin im Jahr 1995 dafür gesorgt, daß dieser weitgehend ergebnislos blieb, was sich erst beim dritten Weltklimagipfel 1997 in Kyoto änderte. Später als Bundeskanzlerin hat sie die von ihr zuvor bekämpften Argumente gekapert, um sich weltweit als Klima-Queen zu inszenieren, aber nur so lange sie sicher sein konnte, damit am Widerstand ihres Freundes George W Bush zu scheitern. Während Barack Obama in nur einem Jahr als US-Präsident eine beachtliche Gesundheitsreform durchgesetzt, mit Russland ein neues Abrüstungsabkommen unterzeichnet und bereits ein Konzept, sowie Entschlossenheit zur Regulierung der US-Finanzmärkte besitzt, liefert Angela Merkel Griechenland noch Spekulanten ans Messer und Europa gleich dazu. Sie ist gerade deshalb Bundeskanzlerin, weil sie alle sozial relevanten Zukunftsthemen komplett folgenlos mit auswendiggelernten Textbausteinen zerredet und umweltpolitisch tatsächlich konsequent nur noch eine Lobbyistin der deutschen Atomindustrie geblieben ist. Mit ihrer Anbiederung an westReaktionäre und ihrer Fortsetzung von deren Politik mit anderem Duktus in Verbindung mit dieser typisch ostdeutsch völkischen Mentalität, daß sich selbst abseits stellt, wer dabei nicht mitmacht, gelang ihr die Wiederetablierung des klassischen Preußentums, daß in Berlin wieder um Aufmerksamkeit und Gunst der Obrigkeit um die Wette zu buhlen ist. Viele, die in den 80ern in westDeutschland noch offen waren, echten Liberalismus zu leben, haben inzwischen vor dem neopreußischen Druck und der Pervertierung dieser gesellschaftlichen Ideale insbesondere durch FDP und auch realoGrüne kapituliert, und im Osten ist die Übermacht jener Seilschaften aus westReaktionären in Führungsposition von Justiz und Verwaltung mit ehemaligen DDR-Mitläufern ohnehin völlig erdrückend. Ein gesellschaftliches Klima, das dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe oder gar der Bundesregierung in Berlin wieder echten gesellschaftlichen Fortschritt abnötigen könnte, ist leider nicht mehr zu erwarten. Ich habe daher diesen pseudoRechtstaat inzwischen komplett aufgeben, der nirgends mehr eine positive Perspektive eröffnet.

Obwohl ich meine bis zu meiner Aussonderung sehr hochentwickelten Fertigkeiten zum Umweltrecht und zur Informationellen Selbstbestimmung nicht mehr beruflich verwerten und weiterentwickeln und auch nicht mehr meine im Rahmen einmonatiger Fristen zusammengestellten Argumente zur Reformbedürftigkeit der Juristenausbildung komplex wissenschaftlich aufarbeiten konnte, bin ich mit diesem mir gebrochenen Lebenslauf selbst nicht Amok gelaufen. Ich habe das auf meine gefestigte pazifistische Haltung zurückgeführt, zumal ich mich keinesfalls auf das faschistoide Niveau meiner Gegner herablassen wollte. Es ist ihnen daher nicht gelungen, mich mit meinen dabei zwangsläufig erlittenen Traumatisierungen bis zum Ausrasten zu triggern wie den zwischenzeitlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Khaled al-Masri, der von der CIA entführt und gefoltert trotz seines deutschen Passes von der Bundesregierung noch weniger gegen die US-Regierung unter George W Bush verteidigt wurde als Murat Kurnaz, der immerhin das Glück hatte, daß sich US-Bürgerrechtler für ihn eingesetzt haben. Die parasitär reaktionären Seilschaften in diesem Staat sind gefährlich und hatten schon Andreas Baader angestiftet, sich Waffen zu verschaffen und Gewalt zur Explosion zu bringen, um sie anschließend niederkartätschen zu können, weswegen die so von diesem Staat gewollte spätere RAF auch von der Staatspropaganda derart aufgebauscht wurde, weil sich viele Staatsbesoldete darüber eine Legitimation für ihren gesamtgesellschaftlichen Gesinnungskampf verschafft haben. Grüße also an die sogenannten Verfassungsschützer, die hier vorbeischauen und immer nur Idealisierungen des vom Grundgestz vereinnahmten Menschenbilds finden.

Leider funktioniert die Stigmatisierung durch diese Seilschaften weitgehend zuverlässig, wie ich erfahren mußte, als ich mal Betriebskostenabrechnungen beanstandet habe und dafür verklagt worden bin. Einmal ist die betreffende Hausverwalterin mit ihren Lügen sogar bei einem überraschend um Einzelfallgerechtigkeit bemühten Richter aufgelaufen, hat sich dann aber neue Geschichten zum selben Sachverhalt ausgedacht, nochmal geklagt und hat dann einen Gesinnungsrichter erwischt, dem sie nicht einmal anspruchbegründende Belege vorweisen brauchte, damit der ihr den Titel zuschiebt. Der hat ihrer koketten Rechtsanwältin eine komplett unschlüssige Klageschrift durchgetreten, sie mußte nicht einmal einen Antrag auf Berichtigung des falschen Klägers im Rubrum stellen und hat ein Urteil bekommen, in dem nicht ein einziges meiner Argumente berücksichtigt wurde. Meinen Glauben an diesen deutschen pseudoRechtstaat hatte ich allerdings sowieso schon verloren, so daß mich nur die Kosten gestört haben und der Umstand, daß trotz ständiger Meldungen über zunehmende Gewalt gegen Richter und Beamte immer noch so viele Opfer derartiger Gesinnungsjuristerei an diesen abergläubischen Plunder mit Justitia und Roben-Show glauben und sich ersatzweise an (ihren) Kindern, im Straßenverkehr oder sonstwo abreagieren. Von meiner Hausverwalterin hörte ich jedoch bald darauf, daß ihr Herz-Bypässe gelegt worden seien, und ich sah sie ziemlich schwächlich auf dem Fußweg. Das hatte sich der liebe Gott ziemlich teuflisch ausgedacht, eine mit Ewiggestrigen koalierende Sportlügnerin im Alter mit einer Herzschwäche zu bestrafen und damit auch mit der Angst, daß ihr beim Lügen die Kraft ausgehen könnte. Es gibt vermutlich eine viel höhere Gerechtigkeit als die von parasitären Staatsbesoldeten pervertierte.

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Noch gruseliger war das Finanzgerichtsverfahren um die Gemeinnützigkeit des © Fördervereins für individuelles Werkschaffen. Es ging lediglich um die Abklärung einer künftigen Perspektive auf Gemeinnützigkeit, die Finanzbeamte in Hamburg mir schon vor der Vereinsgründung vereiteln wollten, die sie aber zum Beispiel dem Rechtspopulisten Roger Kusch für dessen im September 2007 gegründete Selbstmordsekte schon am 7. Februar 2008 zugeschachert und erst in diesem Jahr wieder entzogen haben. Auch das Finanzgericht muß gesehen haben, daß die Argumente des Finanzamts Unsinn waren, zumal ich meine Argumente mit Entscheidungen des Bundesfinanzhofs belegen konnte. Wer als Staatsbesoldeter die Macht über den staatlichen Repressionsapparat hat, macht sich in Deutschland zumeist nicht die Mühe diese mit sachlichen Argumente zu rechtfertigen, und daher bastelten die Finanzrichter am 29. März 2005 einfach vor eine knappe Abkanzelung meines Antrags auf Prozeßkostenhilfe einen zurechtgebogenen Sachverhalt, in dem meine Argumente gar nicht mehr vorkamen. Ich ahnte auch schon, daß wieder in derart in meinen Briefkasten gekotet würde, weil sich seit Robert Steinhäusers Amoklauf solche Post sehr oft durch irgendwelche Meldungen über Gewalteskalationen angekündigt hatte, und das war diesmal eine Messerattacke auf einen Hamburger Amtsrichter. Selbstverständlich haben auch Richterablehnungen wegen Befangenheit keine Bearbeitung meines Vortrags bewirkt, so daß mir eine Terminladung zum Totmachen meiner Klage übersandt wurde exakt an jenem Tag als parallel eine Beamtin im Finanzamt Bergedorf niedergestochen wurde. Daraufhin habe ich meine Klage zurückgezogen, um Rechtskraft für die zu erwartende Gesinnungsjuristerei zu vermeiden und weil ich nicht auf den Gängen des Finanzgerichts erscheinen mochte, da angesichts des dort sicherlich nicht nur zu meinem Nachteil massenhaft provozierten berechtigten Protestpotentials jederzeit mit Amokläufern zu rechnen ist. Wie recht ich damit hatte, erfuhr ich 2008 als ein Steuerberater wegen Gewaltandrohung verurteilt wurde gegen den Gerichtspräsidenten, der auch mir wegen meiner Richterablehnungen wegen Befangenheit mit einer Strafanzeige gedroht hatte. Tatsächlich Angst könnte Gerichtspräsident Jan Grotheer mit dem nicht vorhandenen Bemühen seines Gerichts um fachliche statt autoritäre Überzeugungskraft allerdings im obersten Stockwerk des Glaspalasts Haus der Gerichte bekommen, wenn er sich mit den Motiven auseinandersetzt, warum Joseph Andrew Stack mit einem Flugzeug als Selbstmordattentäter in eine US-Steuerbehörde geflogen ist.

Seit meiner beruflichen Aussonderung habe ich ein neues Verhältnis zur Gerechtigkeit entwickelt. Das größte Festival der Gerechtigkeit in einem deutschen Gerichtssaal war nach meiner Überzeugung inzwischen, daß Roland Freisler in den letzten Kriegstagen während eines alliierten Luftangriffs im Volksgerichtshof von einem herabfallenden Balken erschlagen wurde. Großartige Story, selbst wenn das nur eine Legende sein sollte. Vor laufender Kamera hatte der inzwischen verstorbene Rechtsanwalt Jürgen Rieger über die nächste braune Revolution schwadroniert: Wenn der erste Reporter umgelegt ist, der erste Richter umgelegt ist, dann wissen Sie, es geht los, und seitdem weiß ich, daß der Freisler-Traditionalist Benndorf tatsächlich noch in die Vulgärform seiner eigenen Gesinnung blicken könnte, bevor ihm das Projektil sein Gehirn zermatscht. Als Referendar hatte ich außerdem drei Monate gruselige Akten zu Jagdscheinen und Waffenbesitzkarten bearbeitet, durfte nicht eine einzige davon kassieren und erfuhr hinterher, daß man angeblich sogar sensibilisiert war, nachdem ein so begünstigter gerade auf einen Richter in Stendal geschossen hatte. Nein, ich werde nicht selbst Amok laufen, sondern darauf vertrauen, daß sich die reaktionären Seilschaften irgendwie selbst kurzschließen werden und daß es dabei vielleicht sogar allerhöchste Gerechtigkeit zu beobachten sein wird.

Leider hat sich auch als zutreffend erwiesen, daß ich am 26. April 2000 dem Oberverwaltungsgericht Magdeburg zu meiner beruflichen Aussonderung gratuliert hatte, effektiver als die Justiz Sachsen-Anhalts sei Stecknadeln in Stoffpuppen zu stechen, und das ist in Hamburg nicht wirklich besser geworden - insbesondere infolge der Schill-Kusch-Peiner-Horáková-Ära. Auch der Rechtsanwaltberuf ist mit einer solchen beruflichen Aussonderung keine Perspektive wie ich bereits am 12. März 2002 dem Bundesverfassungsgericht schrieb, anderen Menschen wie in einer Drückerkolonne Illusionen über den nicht vorhandenen Rechtstaat machen zu sollen, um sie kostenpflichtig zum Durchtreten vorzuführen. Gegen relativ zu ihnen entartete, vermeintliche Nestbeschmutzer hält der Korpsgeist der bundesdeutschen Justiz sehr weitgehend zusammen, und da mag ich aus Gewissensgründen niemanden reinziehen. Vielleicht hätte ich mich dort noch einreihen können, wenn Christoph Schlingensief mit seiner Spaß-Partei Chance 2000 tatsächlich wie angestrebt Minister für Rückverdummung geworden wäre. Aber mit Ansprüchen an die Qualität der eigenen Arbeit geht das leider nicht. Außerdem mußte ich mir schon zu viel Zeit meines Lebens vergeuden lassen und wollte sowieso niemals Kinder in dieses perverse Land setzen, die Bezüge und Pensionen dieser Seilschaften erarbeiten müßten, ihre Auslandskriege gewinnen, als Niedriglohnempfänger die Exportweltmeister-Ehre verteidigen, ihre Staatsschulden abtragen oder ihre Umweltsünden reparieren und irgendwie doch deren gar nicht mehr so heimlichen völkischen Traum vom Deutschland-Deutschland-über-alles in die Welt tragen sollen. Nein, ich wäre sehr zufrieden gewesen, wenn ich meine mir so weit erarbeiteten Schwerpunkte effektive Daseinsvorsorge mit Umweltrecht, Informationelle Selbstbestimmung und das mir schon einigermaßen weit erschlossene Thema Juristenausbildung wenigstens in kleinen Schritten hätte voranbringen dürfen, aber dabei scheitern jetzt jene, die sich ohne Fachkompetenz allein mit opportunistischem Auswendiglernen von gehaltlosem Unsinn in die Staatsbesoldung geseilschaftet haben.

Friedrich Nietzsche prophezeite 1880: es werden sich Einzelne und ganze Gruppen geloben, niemals gerichtliche Hülfe in Anspruch zu nehmen. Solche Persönlichkeiten, die so etwas leben und auch noch auf entsprechend pathetische Gelöbnisse verzichten, sind genau diejenigen, die mich noch interessieren, Menschen, die fähig sind, sich miteinander zu arrangieren und sich allenfalls untereinander auf kompetente Schiedsrichter einigen, anstatt sich reaktionären Seilschaften im staatlichen Repressionsapparat auszuliefern, die Konflikte zum Reintreten von Gesinnungsterror mißbrauchen würden. Schon 2001 hatte ich mein Fördervereinskonzept derart angelegt, daß mit diesem ein Freiraum zur individuellen Entfaltung ermöglicht, erstritten und verteidigt werden kann, den das Grundgesetz nur vorgeblich gewährt. Aber A.S. Neill war mit seiner Summerhill Reformpädagogik 1923 schon am deutschen Wesen gescheitert, und ich war hier vermutlich auch wieder zu idealistisch...



Die ersten Folgen dieser Trilogie zur bundesdeutschen Variante eines Rechtstaats sind erschienen am 11. November 2009, sowie am 27. Januar 2010, und nachträglich zum Pfingstmontag 2010 möchte ich noch einen aufschlußreichen Schlüssel empfehlen, warum im bundesdeutschen Bildungssystem von der Selektionsschule über Bachelor bis zur Juniorprofessur so vieles falsch läuft mit diesem Drill zum Seelen-verstümmelnden Auswendiglernen, anstatt einer Förderung beim selbständigen Begreifen komplexer Zusammenhänge: Hans Schmid erläutert in Das Dritte Reich im Selbstversuch Joseph Goebbels NS-Propaganda-Kino (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11), sowie dabei dessen immer wiederkehrendes Bildungsideal der preußischen Baumschule: Ein Staat, der wächst nach denselben strengen Gesetzen wie die Natur. Wär' doch schön, wenn man die Menschen auch so heranziehen könnte wie die Bäume. Daraus folgte diese noch heute verherrlichte Ideologie: Es ist egal, was die Kinder lernen, Hauptsache, sie hassen es. Und das erklärt auch, warum sich Prädikats-verbogene Goebbels'sche Baumschüler bis zum Bundesverfassungsgericht wie Neonazis beim Ausländer-Klatschen gar nicht mehr nur in ostDeutschland zusammengerottet hatten wegen meines Aufbegehrens gegen ein Referendarzeugnis mit einem allein durch Klausuren ermittelten Rückgrat-Verbiegungs-Indexes, nachdem ich meine berufliche Qualifikation mit praktischen und wissenschaftlichen Arbeiten nachgewiesen hatte. Nach dieser beruflichen Aussonderung bin ich immerhin zufrieden, kein Mittreter der Freisler-Traditions-Kaste geworden zu sein, sondern immer für das vom Grundgesetz leider nur vereinnahmte freiheitliche Menschenbild eingestanden zu haben.





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