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© Dirk Burchard im August 2000 www.ryker.de/dirk/archiv/altwerden.html

Altwerden

Mein Wunsch für die mißratene Brut der KohlÄra

Rolf hat mir im Herbst des letzten Jahres geraten, ich sollte mir einen Freund suchen, der größer ist als ich, der mich kräftig rannehmen könnte, und er sollte auf jeden Fall jünger sein. Zwar hatte ich die ersten beiden Kriterien für meine Glückfindung nicht ausgeschlossen, aber Beziehungen mit Jüngeren hatte ich noch nie angestrebt, so daß ich entschieden widersprach. Gleichwohl, denn Rolf ist seit inzwischen mehr als zehn Jahren mein bester Freund, habe ich mir die Jungs genauer angeschaut und hinterfragt, warum ich mich bisher nicht für sie interessiert hatte. Groß und kräftig sind viele Jungmacker zwischen fünfundzwanzig und dreißig - die sehen sowieso alle aus wie Sport-Leistungskurs. Aber was soll ich mit denen?

Ich selbst bin Jahrgang 1967, und die ersten Fernsehbilder, an die ich mich erinnere, sind jene zur Entführung von Hanns-Martin Schleyer durch die RAF. Die Bundestagsdebatte zum Sturz von Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte ich noch Jahre vor meinem Abitur zwischen Mitschülern und meinen betroffen zur Videoleinwand starrenden Lehrern im Filmraum des Gymnasiums Fallersleben gesehen, wie Hildegard Hamm-Brücher ihre legendäre Rede gehalten und dies doch nicht gereicht hatte, um sechzehn Jahre Helmut Kohl zu verhindern. Die Kultur meiner Jugendzeit war von Vielfalt geprägt. Es gab Ökos, Popper, Mods, Punks, Rocker, Rastas und irgendwann noch Typen wie mich, die sich für nichts entschieden, diese Vielfalt aber ebenso genossen, wie deren Abbau in den letzten eineinhalb Jahrzehnten als Verarmung empfanden. Schon als ich ein paar Jahre nach meinem Abitur meine lässige Mathematiklehrerin wiedergetroffen habe, bemerkte diese über Persönlichkeitsentwicklungen des Nachwuchses an meiner ehemaligen Schule: "Das wird immer schlimmer". Spätestens ab Jahrgang 1970 muß man also die Brut der Kohl-Ära rechnen. Und so einen soll ich mir aussuchen?

Diese Jungs zu beobachten ist gar nicht einfach. Die lassen sich nämlich nicht von jedem ins Gesicht schauen und verweigern sich derartigem Interesse an ihrer Persönlichkeit oftmals durch zickiges Wegsehen oder kommentieren dies im preußischen Osten manchmal sogar mit Auf-den-Boden-spucken. In der schwulen Szene praktiziert diese Generation gelegentlich den sozialdarwinistischen Verdrängungskampf, während ich mich mit Älteren in der Szene immer noch unterhalten habe, auch wenn ich sexuell nicht auf sie konnte. Da brauchen manche nur meine Brille zu sehen, und schon neigt sich deren innere Waagschale zur Seite "unwertes Leben" - in Kontaktanzeigen findet man "Brille" bereits als KO-Kriterium etabliert. Und durch diese Brille sehe ich unter der inzwischen als Jugend-Uniform etablierten Schirmmütze oftmals jene patzig nach unten hängenden Mundwinkel, die für mich bisher Roman Herzog gekennzeichnet hatten, der mit feudalen Verlautbarungen seiner Erwartungshaltung an das deutsche Volk die Massen hinter sich versammeln wollte.

Die schwule Szene - Niklas Luhmann hätte sie wohl unter "Würdeasyl" subsumiert - ist wegen ihrer Offenheit und Toleranz ein besonders feinsinniger Indikator für gesellschaftliche Strömungen und Jugendkultur. Und dort schaut man irgendwo immer mal auf einen Fernseher mit diesen neumodischen Preußen-Pornos aus Berlin - auch schonmal mit offen faschistoider Symbolik, die sich aber auch international gut verkaufen soll. Da gab es zB zwei Typen in Bundeswehruniformen, die mit Gewehren einen dritten zwangen, sich auszuziehen; einer spannt einen Dildo in einen Schraubstock und herrscht: "Da setzt' dich jetzt drauf". Diese Jungs waren auch alle generationsmäßig Kohl-Ära, und solche unsinnlichen Phantasien hatte ich im Leben noch nicht.

Da ich meine Ausbildung erst im Oktober 1999 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen abgeschlossen habe, bin ich auch noch mit dem künftigen juristischen Nachwuchs der KohlÄra in Kontakt gekommen. Die waren oftmals fleißig am Auswendiglernen, opportunistisch angepaßt und selten kritisch. Sie wollten zu den Fittesten gehören, die durchkommen und brauchten deshalb Phrasen, auswendiggelernte Definitionen und Schemata zum kurzfristigen Auftrumpfen. Kritische und komplexe Zusammenhänge berücksichtigende Standpunkte wurden ignoriert bis niedergebrüllt, und wenn nur mal kurz die Stimme für ein "erste, zweite und dritte Stufe!!!" erhoben wurde, um die Stufentheorie zur Berufsfreiheit des Bundesverfassungsgerichts die Aufmerksamkeit auf sich ziehend mit den Fingern abzuzählen. Der Gegenüber soll demotiviert werden und nicht überzeugt. Das Juristen-Ideal der Kohl-Ära waren Rechtsanwälte, die sich gegenseitig in die Waden beißen, und wer zuletzt stehenbleibt, hat gewonnen. Reaktionäre Rechtsanwaltskanzleien brauchen solche Jungs, die sich mit Ellenbogen gewinnträchtig durchsetzen bis der nächste Nachwuchs verbogen ist und man die gealterten Männer für's Grobe ersetzen kann. Im Gespräch unter vier Augen äußert so ein Jungmacker dann schonmal mit treuherzigem Blick, daß ich ja eigentlich recht hätte, aber irgendwann müsse man sich halt anpassen.

Besonders erschütternd sind meine Erinnerungen an Jugendliche aus meinen drei Jahren in Magdeburg. Dort ist keine Woche vergangen, in der mir nicht eine Meldung von rechtsradikalen Übergriffen auf Ausländer zu Ohren gekommen ist. Im Osten ist der Elterngeneration durch "die Wende" die Kontrolle über ihren Nachwuchs entglitten, und viele westdeutsche Verwaltungsbeamte und Juristen haben sich lieber am Freitagnachmittag in den Zug in Richtung Hannover gesetzt als sich ernsthaft auf die Kultur im Osten einzulassen. Richtig "verbrüdert" haben sich überwiegend reaktionäre Westdeutsche und ostdeutsche Mitläufer in Seilschaften, weil sie dieselben selbstsüchtigen Ziele auf Kosten anderer verfolgen. Zur Orientierung vorerst ausgefallen sind Persönlichkeiten, die trotzdem die Staatsorganisation der DDR nichts taugte, im Alltag um eine menschliche Ausgestaltung bemüht waren. Die Unterwerfung unter die Marktwirtschaft aus dem Westen unter Verdrängung ihrer DDR-Sozialisation war für Jugendliche daher der einfachste Weg zum gesamtdeutschen Bewußtsein. Und deshalb dominierten im Osten meist jene Jungs das Stadtbild, die solariumsgebräunt mit Diesel- oder Replay-Jeans, Adidas-Joggingschuhen, Bomberjacken, Gold-Creolen im Ohr und Handy am Arsch breitbeinig durch Einkaufszentren stampften und nach den passenden Girlies auf Plateauschuhen stierten. Und zum "Herrentag" gab es Himmelfahrt dann auch Krawalle oder eine Massenschlägerei im Park. Sicherlich, es gab jenseits dieses Alltagsbildes noch andere Persönlichkeiten, aber die wissen selbst, daß sie Minderheit waren und vermutlich noch sind.

Kürzlich hatte ich das Glück, hier in Hamburg in den Zeise-Hallen die Longnight "Fegefeuer in Ingolstadt" und "Pioniere in Ingolstadt" nach Marie Louise Fleißer anschauen zu können. Ich sah fünf Variationen von ausgebildetem Theaternachwuchs, einen Außenseiter namens Roelle und sein soziales Umfeld darzustellen. Die letzte Aufführung fand im Güterbahnhof Altona statt. Roelle war hier Außenseiter einer Jugendgang und nur noch ein anstrengender Wichtigtuer mit seiner Wasserphobie, der Rücksichtnahme auf sich und seine Gefühle einklagte, derweil andere ihre Sinnfindung allein mit sich selbst austrugen - zB mit Fitneßübungen. Es wandte sich zweimal eine junge Frau direkt zum Publikum und sagte uns Zuschauern in unsere Gesichter, wie sinnlos unser Leben mit den EC-Karten und all den Organisationen sei, denen wir Geld überwiesen, damit diese unser Leben regelten, daß auch das Anhören von Schallplatten keinen Trost mehr brächte: "und trotzdem wollen Sie immer noch nicht sterben". Nachvollziehbar eigentlich, daß diese auch schon vorgerückten Kids den Lebenswillen von noch Älteren zusammen mit deren Erkenntnissen und Persönlichkeitsentwicklungen geringschätzen, die sie nicht interessieren. Mit "Kampfzone" war diese Inszenierung passend betitelt und machte mir überdeutlich, wie unpopulär meine Jugend-Ideale von offenem Austausch, Toleranz und sozialer Integration in den vergangenen Jahren geworden sind.

"Mißratene Brut" habe ich einmal Max Goldt auf einer Autorenlesung sagen hören. Und seitdem assoziiere ich diesen Begriff immer mit den Kids der Kohl-Ära. Die hatten es furchbar einfach, die rückschrittlichen Werte dieser Zeit zu erfüllen oder deren Erfüllung vorzutäuschen. Werte, die Familie, Vaterland, Kern-Europa, gesellschaftlicher Status und je nach solchem Konsum oder Gürtelengerschnallen hießen, aber jedenfalls nicht Persönlichkeit, Intellekt oder kritische Reflexion. Irgendwie sind die meisten von ihnen verloren, und ich will ihnen auch nicht verzeihen, wie sie für Konsum und "Liebe" zur Love-Parade für die Regierung Kohl zur Entwertung des Demonstrationsrechts mitgelaufen sind. Ich war auch blöd als ich jung war, aber ich habe das wenigstens nicht zum Kult erhoben. Und deshalb wünsche ich der mißratenen Brut der Kohl-Ära vor allem eines: Altwerden. Ihr verdientes Spiegelbild wird dieser Generation nämlich von den Nachfolgenden vorgehalten werden. Eine neue Jugendkultur sind zB die Brit-Popper, die radikal mit dem martialischem Puritanismus der noch vorherrschenden Techno- und Skinhead-Kultur brechen, indem sie androgyne Verwechselbarkeit der Geschlechter darstellen. Das ist schonmal ein Anfang. Neulich als ich in der U2 saß, stieg an der Station Dehnhaide jemand ein, vielleicht Anfang bis Mitte zwanzig und in sich ruhend. Er setzte sich dann mit dem Rücken zu mir, und ich freute mich über diesen kurzen Augenblick Schönheit eines intelligenten Gesichts. Als ich Mundsburg ausstieg, bemerkte ich, wie er nun mich beobachtete. So weit ist es schon gekommen, daß mich das verlegen gemacht hat...





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